Chronik

Hundert Jahre praktizierte Genossenschaftsidee (1898 – 1998)

Bedingt durch die Industrialisierung Ende der 90er Jahre im 19. Jahrhundert, machte sich, wie an vielen Orten, so auch in Sarstedt, der Wohnungsmangel für die arbeitende Bevölkerung recht fühlbar. Durch Vergrößerung der Industriebetriebe und damit verbundene Zuwanderung konnte man schon von einer regulären Wohnungsnot sprechen. Es wurde daher von der Firma Voss, Sarstedt, in Verbindung mit dem königlichen Gewerbeinspektor T. Mangelsdorff, die ersten Schritte zur Gründung einer Wohnungsbaugenossenschaft unternommen. Nachdem dann verschiedene Interessenten aus Arbeiter-, Handwerks- und Unternehmerkreisen ihren Beitritt zugesichert hatten, wurde die Genossenschaft unter der Firma „Gemeinnütziger Bauverein in Sarstedt“ gegründet.

Die Eintragung im Genossenschaftregister beim Amtsgericht Hildesheim erfolgte am 23. April 1898. Nunmehr konnte der Bauverein mit der Arbeit beginnen.

Die Mitbegründer Fritz und Louis Voss stellten 32.702m² Bauland am sogenannten Giebelstiegweg zu günstigen Bedingungen zur Verfügung. In der ersten gemeinsamen Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat am 11. Mai 1898 wurde allgemein die Ansicht vertreten, um den dringendsten Wohnungsbedürfnissen zu genügen, zunächst einige Miethäuser zu erbauen und dann erst mit der Errichtung von Erwerbshäusern zu beginnen.

Im ersten Jahre wurden 4 Miethäuser mit je 4 Wohnungen gebaut und damit gleichzeitig die Kolonie „Giebelstieg“, die heute ca. 2650 Einwohner zählt, gegründet. Diese 16 Wohnungen konnten bereits im April 1899 bezogen werden.

Ausserdem wurde im Jahre 1898 noch mit dem Bau von 16 Erwerbshäusern begonnen. Es folgten ein Sechsfamilienhaus (Vereinsstraße 2) und ein Fünffamilienhaus (Vereinsstraße 1) mit Lebensmittelladen, weitere 4 Miethäuser mit je 4 Wohnungen in der Giebelstieg- und Vereinsstraße sowie ein Sechsfamilienhaus, An der Bahn, folgten.

Vereinsstr. 2

Giebelstiegstr. 1 u. 2

>Bis zum Jahre 1910 folgten weitere 19 Mietwohnungen sowie 25 Erwerbshäuser. Hiermit war die erste Entwicklungsperiode der Genossenschaft abgeschlossen. Was in den ersten 12 Jahren seines Bestehens vom Bauverein geleistet wurde, verdient auch heut noch Anerkennung.
Protokolle künden von oftmaligen Sitzungen und Beratungen über die Ausführung der Häuser, die Anlage der einkassierten Einnahmen und die Nöte der Verwaltung.
Die Arbeit der damaligen Genossenschaftsverwaltung war gewiss nicht leicht. Hier half oft die Leitung der Landesversicherungsanstalt, welche überaus sozial und genossenschaftsfreundlich mit Beratung und der Hergabe von günstigen Baudarlehen eingestellt war.
Da nun das zur Verfügung gestandene Gelände restlos bebaut war, musste die Bautätigkeit unterbrochen werden und konnte durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und lange darüber hinaus nicht wieder aufgenommen werden.

Es wurden gebaut:

16 Miethäuser und 43 Erwerbshäuser mit insgesamt 153 Wohnungen. Giebelstieg hatte 600 Einwohner!

Erst 1925 wurde das nächste Objekt von 3 Häusern mit 18 Wohnungen in der Uhlandstraße 1 – 5 errichtet.

Im Jahre 1926 erfolgte der Anschluss unserer Genossenschaft an das Ortsnetz von Sarstedt der Stromversorgung Hannover. Hierdurch wurden sämtliche Häuser in unserem Stadtteil mit elektrischem Licht versehen. Gas- und Wasserleitungsanschluß bestand schon seit 1913.

Bereits 1927 wurde der Wohnblock Lessingstraße 1 ? 3 mit 3 Neunfamilienhäusern errichtet.

Mit Unterstützung der Bezirksregierung in Hildesheim sowie der Landesversicherungsanstalt Hannover wurde Ende 1930 der Bau von 2 Sechsfamilienhäusern in der Uhlandstraße 2 und 4 und dann 1935/36 nochmals in der Uhlandstraße 6 und 8 vorgenommen.

1933 wurde unsere Genossenschaft durch den Regierungspräsidenten in Hildesheim als gemeinnütziges Wohnungsunternehmen anerkannt.

1937 konnte nach Überwindung großer Schwierigkeiten mit dem Bau von 20 Eigenheimen Am Dehnenberg begonnen und am 28.12.1940 an die Kaufanwärter übergeben werden.

1938 Planung und Beginn eines weiteren 24 Familienwohnblocks in der Heinrich-Heine-Straße l ? 7. Mit der Ausführung dieses Wohnblocks und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war der zweite Bauabschnitt unserer Genossenschaft auf unbestimmte Zeit beendet.
Innerhalb dieser zweiten Entwicklungsphase wurden 14 Miethäuser und 20 Erwerbshäuser mit insgesamt 113 Wohnungen gebaut.

Im Mai 1945 kam das Ende des zweiten Weltkrieges. Von den vielen Luftangriffen auf deutsche Städte wurde Sarstedt und damit auch das Eigentum unserer Genossenschaft verschont. Durch die Explosion eines Munitionszuges am 16. Juni 1945, der auf dem Bahnkörper in unmittelbarer Nähe unserer Siedlung abgestellt war, wurden unsere Häuser erheblich beschädigt. Das Ausmaß der Schäden lässt sich daran ermessen, dass ca. 70.000 Dachsteine und 4.000 Firststeine für die Dachreparaturen benötigt wurden.

Nach dem Zusammenbruch 1945 war zunächst der vorhandene Wohnungsbestand zu bewirtschaften. Man war fast vergeblich bemüht, aufgestauten Reparaturbedarf zu beseitigen und für die in steigender Zahl zur Genossenschaft stoßenden Neumitglieder Wohnungen zu bauen. In diesem trostlosen Zustand erschien die Währungsreform wie ein Lichtstreifen am Horizont und neuer Mut erfüllte die Verantwortlichen.

Laut Beschluss der Mitgliederversammlung vom 14.05.1950 wurden die Geschäftsanteile von RM 300,- auf DM 180,- umgestellt. Durch die Neuanfüllung der Anteile kam die Genossenschaft wieder zu Eigenkapital, welches zu einem Neubeginn unbedingt erforderlich war.

1953/54 Planung und Errichtung von 24 Wohnungen in der Heinrich-Heine-Straße 2 – 8.

1955 Bau von weiteren 21 Wohnungen in der Voss-Straße 58 – 62.

1956 wurde die rege Bautätigkeit mit der Errichtung von 15 Mietwohnungen in der Giebelstiegstraße 1a und 1b fortgesetzt.

Da unsere Mitglieder den Wunsch äusserten, auch Garagen zu bauen, wurden 1956 die ersten 7 Garagen in der Wilhelm-Raabe-Straße erstellt. Viele Garagenstandorte sollten in den nächsten Jahren folgen.

In den Jahren 1961 bis 1965 erfolgte der nächste große Bauabschnitt:
Zwischen der Voss-, Mörike-, Wilhelm-Raabe-, und Lönsstraße wurden 102 Wohnungen für die ständig anwachsenden Mitgliederzahlen errichtet.

Von 1965 bis 1980 stand ausschließlich die Erhaltung und Modernisierung des vorhandenen Wohnungsbestandes im Vordergrund. Hierbei erhielten viele Wohnungen eine Gas- Etagenheizung und moderne Bäder.

Bis 1987 wurden alle Fassaden der älteren Gebäude renoviert und farblich aufeinander abgestimmt. Im Rahmen dieser Aktionen wurde unsere Bemühung für ein schöneres Stadtbild von der Stadt Sarstedt mit vielen Preisen belohnt.

Im Jahre 1972 konnte sich unsere Genossenschaft weiteres Bauland im Baugebiet „Hildesheimer Straße“ durch Kauf sichern. Jedoch erfolgte eine Bebauung erst 1980/81 mit 21 Altenwohnungen sowie 10 Garagen. Ein weiterer Bauabschnitt mit 9 Wohnungen wurde 1985 bezugsfertig.

Für die ärztliche Versorgung unseres Wohngebietes errichteten wir 1986/87 auf dem Grundstück Mörikestraße eine Arztpraxis.

Zwei weitere Häuser mit 25 Wohnungen wurden im Rahmen des Sozialen Wohnungsbaus Am Bruchgraben 23/25 errichtet. Diese Wohnungen waren zum 01.12.1993 bezugsfertig.

Bis 1995 war unsere Verwaltung in einer 44m² großen Wohnung untergebracht. Durch Abriss von 7 Garagen auf dem Grundstück Wilhelm-Raabe-Straße 1a schuf man eine neue Baufläche für ein neues Vereinshaus mit modernen Geschäftsräumen sowie 4 Wohnungen. Die alten Geschäftsräume wurden zu einer behindertengerechten Altenwohnung umgebaut.

Die Geschäftsstelle

RaabestraßeSomit schuf die Genossenschaft ab 1948 insgesamt 33 Häuser mit 261 Wohnungen, einer Arztpraxis sowie eigener Büroräume. Ferner konnten den Mitgliedern 173 Garagen zur Verfügung gestellt werden.

Innerhalb der achtziger Jahre wurden die gemeinnützigen Wohnungsunternernehmen mit der Diskussion um das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz aus dem Jahre 1931 konfrontiert. Zum 31.12.1989 beschloss die Bundesregierung die ersatzlose Aufhebung dieses bewährten Gesetzes. Nun konnten die Genossenschaften durch eine neue Satzung die zukünftigen Richtlinien festlegen.

Der Bauverein Sarstedt hat sich für den Geschäftskreis einer Vermietungsgenossenschaft entschieden.

Der Schwerpunkt der genossenschaftlichen Bauaktivitäten hat sich z. Zt. verlagert. Stand in den vorhergehenden Jahrzehnten der Neubau im Vordergrund, ist nun die Modernisierung und Bestandserhaltung unser Hauptaufgabengebiet. Der vorhandene Bestand muss für die nachfolgenden Generationen erhalten und gesichert werden. Seit Jahren werden hierfür Millionenbeträge aufgewendet und teils durch Entnahmen aus den Rücklagen finanziert.

Die zunehmenden Wohnungswechsel machen es erforderlich, dass immer mehr Wohnungen größeren Modernisierungsarbeiten unterliegen. So eine Vollmodernisierung beinhaltet Kosten bis zu  50.000 €.

Diese Investitionen in den Bestand machte es erforderlich, dass neben den Pflichtanteilen ab 1995 sogenannte Wohnungsanteile satzungsgemäß eingeführt wurden, um neues Kapital für diese Aufgaben zu erhalten.

Der Bauverein Sarstedt eG kann nunmehr auf mehr als 120 Jahre genossenschaftliche Arbeit zurückblicken. Längst ist der Stadtteil Giebelstieg durch andere Bauträger oder durch Privatinitiative gewachsen und mit der Kernstadt zusammengewachsen.

Das Wohl und die Entwicklung der Genossenschaft werden unverändert von den meist ehrenamtlich tätigen Gremien entschieden werden. Vergleicht man die derzeitigen und zukünftigen Probleme mit denen der Gründer, darf man feststellen, dass die heutigen Lösungen wesentlich leichter als zu Beginn des Jahrhunderts sind.